#Litcamp16 in Heidelberg

Am Wochenende vom 11. bis 12. Juni habe ich mein erstes Barcamp, das Literaturcamp Heidelberg (#Litcamp16) besucht. Viele Büchermenschen auf einem Haufen, spannende Themen und Begegnungen auf Augenhöhe. All das und mehr gab es an diesem Wochenende in Heidelberg.

Vorab ein großes Dankeschön an die wunderbare Organisation, die Teilnehmer und natürlich die Sponsoren. Ihr habt ein großartiges Wochenende möglich gemacht, von dem ich sicher noch lange zehren werde. Ich habe tolle Menschen kennen gelernt und viel für mich mitgenommen.

Vor dem #Litcamp16: Ankunft in Heidelberg

Ich war bis dato noch nie in Heidelberg, hatte aber schon gehört, dass die Stadt sehr schön sein soll. Da ich am Freitag noch eine Weile auf meine Unterkunft warten musste, bin ich nach meinem schrecklichen Mittagessen (nudelgewordenes ranziges Fett) deshalb noch eine Weile durch die Altstadt spaziert.

Die erste Nacht war für mich nicht etwa bloß schlaflos, weil ich wegen des anstehenden LitCamps total nervös war, sondern auch weil ein Haufen total besoffener nicht ganz nüchterner Herren unter meinem Fenster lautstark diskutierte. Dabei ging es nur um die eine weltbewegende Frage: Liebe ich meine Kumpels mehr als Bier oder nicht?

Ihr ahnt es, die Beantwortung dieser Frage ist nicht leicht, daher war die Nacht entsprechend kurz. Gerüstet mit meinen Glitzerschuhen bin ich aber trotzdem hochmotiviert in den nächsten Tag gestartet.

Vorstellungsrunde mit fast 200 Personen: Läuft.

Das Literaturcamp fand im DEZERNAT 16, der Kultur- und Kreativwirtschaft statt. Da ich ganz alleine war und niemanden persönlich kannte, fühlte ich mich zuerst ein bisschen verloren. Einfach jemanden anquatschen? Hm, nein, zu gruselig. Also habe ich erstmal das wunderbare Frühstück von Daniela und Heiko (Teekesselchen) genossen.

Warum müssen Büchermenschen auch immer in Rudeln unterwegs sein? Da behaupte noch mal jemand, dass das Lesen eine einsame Tätigkeit sei! Alle introvertierten Menschen können mir das sicher nachfühlen.

Bei der Vorstellungsrunde habe ich dann auch noch ordentlich ins Mikro genuschelt. Durch die wunderbaren Schilder um unseren Hals kam man aber doch recht schnell ins Gespräch. Da ich absolut kein Gedächtnis für Namen habe, sind die Dinger sowieso praktisch gewesen. Kein hilflos gestammeltes „Äh, ja, du bist noch mal…?“, nur eben schnell zum Schildchen schielen und hoffen, dass die Handschrift sich entziffern lässt.

Die Planung der Sessions: Freiwillige vor!

Da es mein erstes Barcamp war, hatte ich auch keine Vorstellung wie groß die Beteiligung sein würde. Jeder Teilnehmer durfte eine Session anbieten. Das musste keine Präsentation, sondern konnte auch ein Diskussionsthema oder eine in den Raum geworfene Frage sein. Wir hatten also wirklich alle Freiheiten.  Beim #litcamp16 hat es uns an Freiwilligen nicht gemangelt und die Vielfalt spiegelte sich auch in der bunten Mischung der Sessions wider.

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Sessions ohne Ende am Samstag

Ich muss an dieser Stelle gestehen, dass ich zu feige für eine eigene Session war. Aber wir hatten reichlich Auswahl und ich finde es super, dass sich viele der anderen Barcamp-Neulinge direkt getraut haben! Nächstes Jahr bin ich dann ja vielleicht unter denjenigen, die eine Session anbieten.

Die Qual der Wahl

Die große Auswahl stellte mich allerdings auch vor ein Problem. Wie soll man sich bei so vielen spannenden Sessions bitte für eine entscheiden? Es war wirklich nicht leicht, viele Sessions liefen parallel. Letztendlich habe ich mich darauf verlassen, dass ich durch Twitter und die Blogs der anderen Teilnehmer schon auf dem Laufenden bleiben würde. Es war aber natürlich klar, dass ich mir die Sex-Session* mit Nina George und am Abend nicht entgehen lassen würde!

*Es war nicht so wie es klingt, wirklich…

Schreiben für Computerspiele

Für mich begann das #litcamp16 mit einer Session von Lena Falkenhagen, die von ihren Erfahrungen als Games Writer bzw. Narrative Designer berichtete.

„Romane haben ein unendliches CGI-Budget“ – Lena Falkenhagen

Ein wesentlicher Unterschied: Bücher, generell Texte, unterliegen natürlich nicht denselben (finanziellen) Beschränkungen wie visuelle Medien. Mit dem Schreiben können wir jede Welt, jedes Szenario erschaffen, ohne uns um unser Budget sorgen zu müssen. Ein ziemlicher Luxus, oder?

Die Zukunft der Leseexemplare

In der nächsten Session haben wir mit Karina und Anke, von NetGalley und Carlsen, über die Zukunft von Rezensionsexemplaren unterhalten. Vor allem für Buchblogger und BookTuber ein spannendes Thema.

Es wurde viel darüber gesprochen, ob elektronische Leseexemplare, also eBooks, genauso gern gesehen sind wie die Printversion des jeweiligen Buches. Ganz klar: Schon beim Fotografieren steht man hier vor einem Problem. Der eReader lässt sich für Instagram und Co. einfach nicht so schön in Szene setzen.

Anschließend gab es dank super Orga und talentierter Küchenfee ein leckeres veganes Mittagessen. Dabei saß ich spontan mit Anabelle von Stehlblüten zusammen.

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Obwohl ich mich nicht vegan ernähre, fand ich das vegan Essen großartig. Dadurch stand es allen offen. Außerdem waren auch Besteck und Teller relativ umweltfreundlich, was bei großen Veranstaltungen wirklich keine Selbstverständlichkeit ist. Auch dafür einen Daumen hoch!

Albtraum-Autoren und Lektorinnen-Alltag

Nach dem Mittagessen gewährten uns die Lektorinnen Anne und Lisa einen kleinen Einblick in ihre Arbeit und verrieten auch, mit welchen Autorenpersönlichkeiten sie nicht ganz so arg gern zusammenarbeiten. Die Anekdoten waren natürlich ungemein unterhaltsam. In der Session wurde außerdem mit einigen Vorurteilen aufgeräumt. Also liebe Autoren: Lektoren wollen eure Texte weder komplett umschreiben noch ihrem persönlichen Stil unterwerfen – sie wollen das Beste aus ihnen rausholen!

Da viele Selfpublisher anwesend waren, haben wir selbstverständlich auch über die Relevanz von Lektorat und Korrektorat beim Selfpublishing gesprochen. Hier waren sich eigentlich alle Anwesenden einig. Verzichten sollten Selfpublisher nach Möglichkeit weder auf das eine noch auf das andere. Insbesondere aufgrund des immensen Kostenfaktors fällt gerade das Lektorat aber immer wieder unter den Tisch.

Ich hätte viel zu große Angst beim eigenen Werk betriebsblind zu sein, als dass ich bei meinem Roman auf eins von beidem verzichten würde. Zumal es sicherlich auch Autoren gibt, die orthographisch sehr stark sind, dafür aber beim Plot schwächeln. Wie steht ihr zu dem Thema?

Crowdfunding  für Autoren

Die nächste Session passte thematisch in gewisser Hinsicht hervorragend zur letzten: Wer sich Korrektorat und Lektorat für seinen Roman wünscht, aber nicht das nötige Kleingeld hat, sollte sich vielleicht mal mit Crowdfunding beschäftigen. Dabei handelt es sich um eine relative junge Form der Finanzierung.

Das funktioniert so: Ihr präsentiert euer Projekt auf einer Internetplattform und könnt dort nach Unterstützern suchen. Bekannte Plattformen sind zum Beispiel Kickstarter oder Startnext. Der verlagsunabhängige Autor Benjamin Spang hat das bei seinem Debütroman „Blut gegen Blut“ geschafft und auf dem #Litcamp16 nicht nur von seinen Erfahrungen berichtet, sondern auch sein Wissen und hilfreiche Tipps an uns weitergegeben.

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Die schönste Präsentation des #Litcamp16

Wichtig beim Crowdfunding: Erst loslegen, wenn der Roman fertig ist und genau angeben, wofür ihr das Geld am Ende verwenden wollt. Das sollte nicht euer Mittagessen oder eure Miete sein, sondern möglichst so was wie Korrektorat, Lektorat oder das Cover. Konkrete Angaben schaffen Vertrauen und zeigen den Unterstützern, dass ihr wisst, was ihr tut.

Außerdem müsst ihr ihnen selbstverständlich auch ein Dankschön für ihre Hilfe zukommen lassen. Das ganze funktioniert also nur, wenn ihr eine attraktive Gegenleistung für die finanzielle Unterstützung anzubieten habt. Bei Büchern bieten sich natürlich Lesezeichen, Poster oder auch Gegenstände an, die im Roman vorkommen. Diese Dinge sollten exklusiv sein, ihr dürft sie also nur beim Crowdfunding anbieten.

Hätte es beim Litcamp einen Preis für die schönste Powerpoint-Präsentation gegeben, hätte Benjamin ihn ganz eindeutig verdient. Seine Präsentation war der Hammer! Super gestaltet, sehr gut strukturiert und informativ. Für mich auf jeden Fall eine der besten Sessions am Wochenende. Außerdem bekam ich von Benjamin eine „Bloodiebag“, das „Blut gegen Blut“-Äquivalent einer Goodiebag, über das ich hier auf dem Blog noch berichten werde.

Abendessen und Ausklang

Die letzten Sessions des Samstags waren eher als Ausklang gedacht. Die meisten Teilnehmer, ich eingeschlossen, waren zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich fertig. Koffein- oder alkoholhaltige Getränke standen jetzt hoch im Kurs. Passend zur ausgelassenen Stimmung war es nun Zeit für die sehnsüchtig erwartete Sex-Session. War alles harmloser als es klingt, aber kam natürlich nicht ohne eine große Portion Wortwitze und Zweideutigkeiten aus. In großer Runde wurde da über die Klischees in Erotikromanen diskutiert.

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Die berüchtigte Sex-Session

Dabei ging es zwar wie erwartet lustig zu, aber wir haben das Niveau nicht ganz aus den Augen verloren und uns auch damit beschäftigt, welche Erwartungen wir an Romane dieses Genres hegen. Besonders interessant: Männer und Frauen bemängelten bei dem von den genialen Moderatoren vorgestellten Beispiel überwiegend dieselben Punkte.

Letztendlich war das wohl eines dieser Events, bei denen man einfach dabei gewesen sein muss, um ihren Charme gänzlich zu verstehen. Sorry, aber Nina George müsst ihr einfach live erleben. Also kommt alle zum #litcamp17!

„Eating People Is Wrong“

Suse präsentierte uns einige skurrile und sehr erheiternde Amazon-Rezensionen. Wusstet ihr beispielsweise, dass Frankenstein kein Kinderbuch (!) ist? Nein? Da kann man als getäuschter Leser schon mal empört reagieren. Im Anschluss folgten einige sehr absurde Cover.

Für mich war ganz klar die Ratgeber-Rubrik unübertroffen. Als Hannibal-Fan favorisierte ich eindeutig „Eating People is Wrong“ und „How to Raise Your I.Q. by Eating Gifted Children“ (Klingt stark nach einem verstörenden Crossover von Hannibal und X-Men, nicht wahr?).

Für mich war das die letzte Session des Samstags, danach habe ich mich völlig erledigt in meine Unterkunft zurückgezogen. Allerdings sehr, sehr glücklich. Leider habe ich durch das große Angebot viele interessante Sessions verpasst, aber es gibt sicher andere Literaturcamp-Teilnehmer, die darüber gebloggt haben. Auf YouTube findet ihr mittlerweile auch das eine oder andere Video. Unbedingt anschauen! Da wird die magische Litcamp-Atmosphäre fast greifbar!

Lily

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